Wenn Agenten zusammenarbeiten: Multi-Agent-Systeme im ERP-Kontext

    Beitrag von Patrizia Rodacki

    Online-Redakteurin bei Proalpha

    Veröffentlicht: 30. März 2026

    Das Wichtigste in Kürze

    Multi-Agenten-Systeme sind KI-Architekturen, in denen mehrere spezialisierte Agenten autonom zusammenarbeiten, um anspruchsvolle Aufgaben zu lösen. Dabei modellieren sie die Ziele und Erfahrungen aller beteiligten Agenten gemeinsam. Das steigert Präzision, Fehlertoleranz und Skalierbarkeit.

    • Agenten kommunizieren über standardisierte Protokolle: MCP (Tool-Zugriff), A2A (plattformübergreifend) und ACP (Nachrichtenstruktur)
    • Vier Organisationsstrukturen: hierarchisch, holonisch, koalitionsbasiert und teambasiert
    • Vorteile: wiederkehrende Prozesse laufen autonom, Fachkräfte werden entlastet
    • Risiken: falsch übernommener Output, fehlende Transparenz 

     

    Bei einem kritischen Bauteil kommt es unerwartet zu einer Lieferverzögerung. Der Einkauf informiert die Produktion per E-Mail. Die Produktion fragt die Logistik nach Lagerbeständen. Die Logistik wartet auf Rückmeldung aus dem ERP. Der Vertrieb bekommt erst am Nachmittag mit, dass Liefertermine nicht zu halten sind und hat die Kunden längst vertröstet.

    Bis eine abgestimmte Entscheidung vorliegt (und das auf Basis von Daten, die zu diesem Zeitpunkt häufig bereits überholt sind) vergehen Stunden. Was würde sich ändern, wenn ein System diesen Prozess aktiv mitdenkt, statt ihn nur zu dokumentieren? KI-Agenten leisten genau das: Sie denken mit, indem sie auf ERP-Daten zugreifen, die Auswirkungen der Verzögerung auf offene Aufträge erkennen und selbständig Maßnahmen vorschlagen.

    Doch ein einzelner Agent hat seine Limitationen. Einkauf, Produktion und Vertrieb folgen unterschiedlichen Logiken und Datenquellen. Der eigentliche Hebel liegt daher im Zusammenspiel: Wenn mehrere spezialisierte Agenten koordiniert agieren, entsteht ein sogenanntes Multi-Agenten-System.

    Was ist ein Multi-Agent-System?

    In einem Multi-Agent-System (MAS) arbeiten mehrere autonome Agenten koordiniert zusammen, um Aufgaben zu erledigen. Die Kerneigenschaften jedes Agenten sind Autonomie (eigenständiges Handeln), Reaktivität (Anpassung auf Umgebungsveränderungen), Proaktivität (zielgerichtete Eigeninitiative) und soziale Kompetenz (Kommunikation mit anderen Agenten).

    Der Unterschied zwischen klassischer Software und MAS liegt in der Fähigkeit zur Selbstorganisation: Ein Programm arbeitet eine feste Befehlsabfolge ab, im Vergleich dazu planen Agenten ihren Weg zum Ziel dynamisch, wählen passende Werkzeuge und passen sich veränderten Bedingungen an.

    Wie unterscheiden sich Multi-Agent-Systeme von Single-Agent-Systemen?

    Ein Agent arbeitet sequenziell und innerhalb eines Zuständigkeitsbereichs, Multiagentensysteme verteilen Aufgaben parallel an spezialisierte Agenten. MAS übertreffen Single-Agent-Systeme bei komplexen, domainübergreifenden und parallelen Aufgaben unter anderem deshalb, weil jeder Agent spezialisiertes Fachwissen einbringt.

    Einzelagenten eignen sich besonders bei klaren Aufgaben mit nachvollziehbarem Lösungsweg. Sie sind oft einfacher zu steuern und kosteneffizienter als Multiagentensysteme. Je nach Anwendungsfall bietet sich ein Single- oder Multi-Agenten-System an, wobei sich für viele Anwendungen auch eine Kombination empfiehlt.

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    Einzelagent und Multi-Agent-Systeme im direkten Vergleich

    Single-Agent-
    System

    • Zentralisierte Kontrolle: Entscheidungen laufen an einer Stelle zusammen, einfach nachvollziehbar und leicht zu überwachen 
    • Sequenzielle Verarbeitung: Aufgaben werden nacheinander abgearbeitet
    • Externe Systeme als Datenquellen: Andere KI-Anwendungen liefern lediglich Informationen; echte Kollaboration findet nicht statt
    • Fällt der Agent aus, stoppt der Workflow; eine Fehlerquelle kann den Prozess blockieren
    • Begrenzte Reasoning-Kapazität: Aktionspläne entstehen in einem einzigen Kontext, ohne kollektiven Erkenntnisgewinn
    • Isoliertes Lernen: Erfahrungen können nicht geteilt werden; daher muss jedes Wissen in jedem Einsatz neu erworben werden
    • Optimal für simplere, klar umrissene Aufgaben

    Multi-Agenten-Systeme

    • Spezialisierte Rollenverteilung: Klar abgegrenzte Zuständigkeiten pro Agent (z. B. Einkauf, Produktion, Vertrieb) steigern die Fachtiefe.
    • Parallele Ausführung: Mehrere Agenten agieren gleichzeitig; Aufgaben werden verteilt 
    • Kollaboration: Agenten modellieren gegenseitig Ziele, Erinnerungen und Aktionspläne
    • Strukturelle Fehlertoleranz: Fällt ein Spezialistagent aus, können andere Agenten übernehmen
    • Höhere kollektive Reasoning-Kapazität: Parallele Aktionspläne steigern die Gesamtleistung
    • Geteiltes Lernen: Erfahrungen werden zwischen Agenten geteilt, was zu kumulativem Kompetenzaufbau führt
    • Optimal für komplexere Aufgaben unter sich ändernden Bedingungen

    Wie sind Multi-Agent-Systeme aufgebaut?

    MAS operieren entweder unter einer zentralen Einheit mit globaler Wissensdatenbank oder in einem dezentralen Netz, in dem jeder Agent mit seinen Nachbaragenten kommuniziert. Durch die zentralisierte Architektur entsteht einheitliches Wissen und einfache Koordination. Ihr Schwachpunkt ist jedoch der Single Point of Failure: Dezentralisierte Netzwerke sind robuster und modularer, erfordern aber aufwendigere Koordinationslogik.

    Hybride Architekturen kombinieren beide Ansätze: Ein zentraler Orchestrator überwacht den Gesamtprozess. Sub-Agenten erledigen ihre Teilaufgaben dezentral. Dieses Muster dominiert aktuelle LLM-basierte Produktionsimplementierungen.

    So können Agenten innerhalb eines MAS organisiert werden:

    Hierarchisch

    Ein Orchestrator-Agent delegiert an spezialisierte Sub-Agenten; klare Befehlskette, einfach zu debuggen.

    Holonisch

    Agenten sind gleichzeitig eigenständige Einheiten und Teil größerer Verbünde. Ein Holon tritt nach außen als einzelne Entität auf, besteht intern jedoch aus mehreren koordinierten Agenten

    Koalitionsbasiert

    Agenten schließen sich temporär zusammen, wenn Einzelagenten unterperformen. Nach Zielerreichung löst sich die Koalition auf.

    Darüber hinaus gibt es noch dauerhaft verbundene Agenten mit starker gegenseitiger Abhängigkeit. Dieser Ansatz eignet sich insbesondere für stabile, wiederholende Workflows.

    Wie funktionieren LLM-basierte Multi-Agenten-Systeme technisch?

    In LLM-basierten Multi-Agenten-Systemen arbeitet jeder Agent in einer kontinuierlichen Schleife aus Wahrnehmen, Schlussfolgern, Handeln und Beobachten, dem sogenannten ReAct-Zyklus (Reasoning + Acting).
    Der Agent nimmt Eingaben auf, plant den nächsten Schritt durch LLM-Reasoning, führt eine Aktion aus (Tool-Aufruf, Nachricht an anderen Agenten) und wertet das Ergebnis aus, bevor der Zyklus neu beginnt.

    Nach dem ReWOO-Muster (Reasoning Without Observation) plant der Agent alle Tool-Aufrufe vorab als Gesamtstrategie, bevor er sie ausführt. Das reduziert LLM-Aufrufe und damit verbundene Kosten.

    Podcast: Name

    Podcast

    Connected AI, was ist das überhaupt? Im exklusiven Interview sprechen Daniel Jost von Proalpha und Andreas Maring von Nemo AI über die Integration von AI in moderne ERP-Systeme.

    Anwendungsfälle: Multi-Agent-Systeme im ERP-Kontext

    Im ERP-Umfeld sind Multiagentensysteme dort am wirkungsvollsten, wo hohe Transaktionsvolumen auf wiederkehrende Entscheidungsmuster treffen:

    • Beschaffung: KI in der Beschaffung erkennt Lieferengpässe früher, löst Bestellungen automatisch aus und reduziert Durchlaufzeiten im Procure-to-Pay-Prozess
    • Buchhaltung: Belegerkennung, automatische Kontierung und Anomalieerkennung
    • Vertrieb: Angebotskonfiguration und Lieferterminzusagen auf Basis von Planungs- und Bestandsdaten ohne manuelle Datenbankabfragen
    • HR: Kandidaten-Vorselektion, Interviewkoordination und Dokumentengenerierung als durchgängiger Workflow

    Die Skalierbarkeit dieser Anwendungsfälle hängt an der Architektur. Laut Bitkom1 folgt ein MAS im ERP-Kontext einem Schichtenmodell aus Orchestrierungsschicht (Ablaufsteuerung, Audit-Trail), spezialisierten Agenten (Forecasting, Compliance, Anomalieerkennung), einer gemeinsamen Wissens- und Kontextschicht sowie einer standardisierten Kommunikationsinfrastruktur.

    Kritisch ist die strikte Trennung zwischen Orchestrierung, Agentenlogik und transaktionaler ERP-Ausführung, weil so Tests, Audits und Erweiterungen beherrschbar bleiben.

     

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    Expertentipp

    Wir bei Proalpha empfehlen, nicht direkt mit dem komplexesten KI-Use-Case zu beginnen. Bauen Sie zuerst ein Zwei-Agenten-System mit klar getrennten Rollen und einem definierten Übergabepunkt. 
    Erst wenn der Informationsfluss zwischen zwei Agenten zuverlässig und nachvollziehbar funktioniert, lohnt sich der Aufbau weiterer Ebenen.  

    Checkliste: MAS aufsetzen in 4 Schritten

    Schritt 1 – Agenten definieren

    • Rolle und Verantwortungsbereich jedes Agenten schriftlich festlegen
    • Tools pro Agent bewusst begrenzen (ein Agent mit Zugriff auf alle Tools ist kein Spezialist)
    • Agentenscope eng halten: Ein schlecht definierter Scope ist die häufigste Ursache für chaotisches Systemverhalten

    Schritt 2 – Orchestrierungsstrategie festlegen

    • Ein Koordinator-Agent steuert die anderen und sorgt dafür, dass Aufgaben in der richtigen Reihenfolge erledigt werden.
    • Gleichrangiges Modell: Agenten arbeiten auf Augenhöhe zusammen und prüfen gegenseitig ihre Ergebnisse .
    • Eskalationslogik definieren: Was passiert, wenn ein Agent blockiert oder unter dem Qualitätsschwellenwert liegt?

    Schritt 3 – Kommunikationsprotokoll wählen

    • MCP für Tool-, API- und Datenbankanbindung (verbindet Agenten mit externen Tools, Schnittstellen und Datenbanken)
    • A2A: Kommunikation zwischen Agenten verschiedener Anbieter und Systeme 
    • Kommunikationsmodus festlegen: Direkte Nachrichtenübermittlung für zeitkritische Aufgaben, gemeinsame Datenbasis für Aufgaben, die nicht sofort bearbeitet werden müssen 

    Schritt 4 – Monitoring: Governance einrichten

    • AgentOps-Tracing aktivieren: Jede Entscheidung mit Zeitstempel, Input und Output loggen
    • Human-in-the-Loop-Checkpoints definieren: Welche Aktionen benötigen zwingend menschliche Freigabe?
    • Validierungsschicht zwischen produzierendem und ausführendem Agent einbauen

    Multi-Ageneten-Systeme in 4 Schritten

    Vorteile und Risiken von Multi-Agent-Systemen im Mittelstand

    Vorteile: Was Geschäftsführer und IT-Leiter konkret gewinnen

        • Entlastung ohne Personalaufbau: Wiederkehrende Prozesse in Buchhaltung, Beschaffung oder HR laufen autonom, sodass Fachkräfte sich auf das Wesentliche konzentrieren können.
        • Spezialisierung statt Kompromiss: Jeder Agent ist auf eine Domäne optimiert.
        • Wachstum ohne Systemwechsel: Neue Prozesse werden durch zusätzliche Agenten abgedeckt, wodurch sich teure ERP-Anpassungen vermeiden lassen.
        • Vermeiden von Prozesstopps: Fällt ein Agent aus, können andere übernehmen.

    Risiken: Worauf IT-Leiter vor dem Rollout achten müssen

        • Fehler können sich fortpflanzen: Falsche Ausgaben eines Agenten werden von nachgelagerten Agenten als Fakten übernommen. Ohne Validierungsschicht bleibt ein systemisches Risiko.
        • Geteilte Schwachstellen: Basieren mehrere Agenten auf demselben KI-Modell, teilen sie dessen blinde Flecken. Dadurch wirkt sich ein Modellfehler auf den gesamten Workflow aus.
        • Schwer zu kontrollierende Betriebskosten: Jede Agenteniteration erzeugt API-Aufrufe. Ohne aktives Kostenmonitoring skalieren die Ausgaben schneller als der Nutzen.
        • Governance von Anfang an: Manuelle Kontrollpunkte sind die Voraussetzung für Nachvollziehbarkeit und regulatorische Compliance. Wer sie nachträglich einbaut, zahlt am Ende häufig doppelt. Des Weiteren sollten Identitäten und Rechte im Multiagentensystem sauber getrennt werden. Andernfalls lässt sich im Nachhinein nicht mehr feststellen, welcher Agent welche datenbasierte Entscheidung getroffen hat. Fehlt die Transparenz, wird die Fehlersuche zum Ratespiel und eine Prüfung (durch interne oder externe Stellen) kaum bestehbar.

    Quellen: Bitkom e.V.: Multi-Agenten Systeme im Kontext von ERP – Zwischen Automatisierung und Autonomie, S. 7–8.  

    Patrizia Rodacki

    Online-Redakteurin bei Proalpha

    Als Redakteurin bei Proalpha schreibt Patrizia Rodacki über ERP, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz. Ihr Fokus liegt dabei auf dem industriellen Mittelstand. Sie erklärt anspruchsvolle Technologien so, dass sie für Entscheider und Anwender greifbar und umsetzbar werden.

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